Die 5 größten Social-Media-Mythen: Der falschen Fährte auf der Spur

Beitrag aus Ausgabe 70 / Februar 2018
Online Marketing
Julia Leutloff

ist Head of Social Media und Online-Redakteurin bei der SEO-/SEA-Agentur Bloofuison Germany.

Ja, sie halten sich, die Ammenmärchen und Erdichtungen, auch unter vielen Social-Media-Verantwortlichen. Da weiß man ganz genau, wie der Hase läuft, und hinterfragt nur selten die alten Trugbilder. Doch in manchen wilden Annahmen trügt sich der Marketer dann doch, wie die folgende Entzauberung der großen Social-Media-Luftschlösser zeigt.

Mythos 1: Posten am Wochenende – das bringt’s!

Der Einsteiger-Mythos, der sich trotz Analyse-Tools und Statistiken immer noch unter vielen Social-Media-Verantwortlichen hält: „Am Wochenende erreichen wir mehr Leute, deswegen posten wir vor allem da!“

Hintergrund dabei ist die Annahme, dass die Nutzer am Wochenende einfach mehr Zeit haben und sich deswegen intensiver mit den Inhalten beschäftigen. Deshalb gibt es immer noch viele Unternehmen, die vor allem auf Wochenend-Postings setzen, in dem Glauben, hier besonders viel Interaktion und Reichweite zu erzeugen.

Diese Strategie ist allerdings selten von Erfolg gekrönt. Nicht nur, dass viele Nutzer ihre freie Zeit am Wochenende dann doch lieber anders einsetzen und einer anderen Beschäftigung nachgehen (es soll tatsächlich immer noch Menschen geben, die dann z. B. Freunde so richtig „in echt“ treffen, ohne sie vorher in einem lustigen Beitrag zu markieren). Auch gibt es durchaus Statistiken, die belegen, dass die Interaktion außerhalb des Wochenendes zum Teil fast 50 Prozent höher ist. Dazu kommt noch, dass es durchaus einen Unterschied macht, in welchem Netzwerk man aktiv ist. Bei Facebook scheint es eher an Uhrzeiten als an bestimmten Tagen zu hängen, wenn es um Interaktion geht, bei Twitter laufen die Werktage gut und „der Zeitpunkt, um auf Instagram mit durchschnittlich 30 % höheren Interaktionsraten zu posten, ist Montag um sieben Uhr morgens“ (Quelle: swat.io Der Artikel trägt verschiedene Studien zusammen, wobei auch diese durchaus kritisch geprüft werden sollten und sicher nicht für jedes Unternehmen so zielsicher zutreffen; siehe Abbildung 1). *Update s.u.

Abgesehen von diesen Punkten gibt es gegen die Wochenend-Posting-Strategie noch einen weiteren Einwand: Wer über Tools Postings vorplant und automatisiert in die Welt rausschickt (und so wird es im Regelfall angegangen), der tut dies oft, ohne im Anschluss nochmal einen Blick auf die Entwicklungen zu werfen. Zumindest nicht am Wochenende, denn da trifft sich der Social-Media-Verantwortliche mit seinen Freunden. Das heißt also im Regelfall, dass mögliche Interaktionen, Kommentare, Fragen oder Ähnliches von Nutzern bis Montagmorgen ungehört bleiben. Und dies führt eher zu Missstimmung als zu positiver Resonanz. Wer einen fehlerhaften Link geplant postet, der statt auf die Zielseite ins 404-Nirwana führt, der muss mit einer großen Ansammlung von Schelten rechnen, wenn er am Montag das erste Mal wieder über den Post schaut. Im allerschlimmsten Fall wurde irgendetwas für ein Wochenende vorgeplant, was dann aus irgendwelchen Gründe deplatziert wirkt und so entsprechend auch wieder für Unmut sorgt. Und letzter Punkt gegen diesen Mythos: Relevante Inhalte setzen sich durch – egal zu welchem Posting-Zeitpunkt

*Update: Im Rahmen der Allfacebook Marketing Konferenz am 20. März hat quintly eine Studie herausgebracht, nachdem auf den Kanälen Facebook und Instagram Postings am Wochenende durchschnittlich mehr Interaktionen erreichen als unter der Woche. Quelle: allfacebook.de 

Mythos 2: Mehr Fans = mehr Erfolg

Nach wie vor kommen regelmäßig Anfragen und Wünsche von Unternehmen, die Fan-Anzahl zu vergrößern. Immer in dem Glauben „Viel hilft viel“ sollen die Zahlen von Fans und Followern gesteigert werden.

Doch ist eine große Anzahl von Fans kein Garant für mehr Erfolg im Social Media. Gerade aggressive Like-Kampagnen, mit denen intensiver Fan-Aufbau betrieben wird, können zwar zu einer quantitativen Steigerung führen, aber nicht unbedingt zu einer hochwertigen aktiven Community. Was bringen mir 10 000 Fans mehr, wenn diese nur aus günstigen „Like-freudigen“ Nutzern bestehen, die neben meiner Fanpage bereits 200 andere Seiten gelikt haben?

Zudem sollte man sich vor Augen führen, dass bei Netzwerken wie Facebook im Regelfall organisch sowieso nur noch ein Bruchteil von vielleicht zwei bis fünf Prozent erreicht werden. Also geht es vor allem darum, mit hochwertigem Content die Fans „zu fesseln“ und zur Interaktion (und damit ist nicht das stumpfe Abstimmen mit Reactions oder das Verlinken anderer zur Gewinnspielteilnahme gemeint) anzuregen. Es gilt vielmehr, in die Qualität der Inhalte zu investieren, mit denen man eine treue Community erreicht (und diese kann ruhig klein sein, solange sie „echt“ ist) als um künstlich initiierten Fan-Aufbau.

Mythos 3: Wo wir präsent sind? Natürlich überall!

Studi VZ, MySpace und Google Plus (man möge verzeihen, falls unter den Lesern noch ein aktiver Nutzer ist) – Netzwerke, die es einmal gab und die eindeutig der Social-Media-Vergangenheit angehören. Aber nur eine kleine Auswahl der berühmteren, denn jedes Jahr kommen etliche Netzwerke hinzu, genauso wie einige von ihnen verschwinden. Also schon einmal ein Irrglaube per se, wenn man meint, überall dabei sein zu müssen. Trotzdem gewinnt man bei einigen Unternehmen den Eindruck, dass sie den Anspruch haben, möglichst schnell flächendeckend auf allen Kanälen vertreten sein zu müssen. Und dabei wird im Regelfall viel Zeit, Energie und damit auch Geld investiert. Doch sind dies oft schlichtweg vergeudete Ressourcen.

Denn bevor man sich entscheidet, einen weiteren Kanal zu bespielen, sollte man diesen ausgiebig prüfen und intensiv analysieren. Hat das Netzwerk tatsächlich Potenzial? Haben wir Zeit, zusätzlich noch hierfür Content zu produzieren? Und vor allem: Treffen wir dort auch tatsächlich unsere Zielgruppe an? Viel zu oft springen Unternehmen auf ein neues Netzwerk auf, nur weil es einfach gerade Trend ist. Aber nicht jeder Kanal setzt sich durch und nicht jeder ist für jedes Unternehmen geeignet: Wer Haarwuchsmittel für Männer verkauft, der wird zum Beispiel bei musical.ly (mit 8,5 Millionen deutschen Nutzern gar nicht so klein, allerdings fast nur im Kinder- und Teen-Alter) kein Glück haben. Und zu guter Letzt sollte man sich als Unternehmen klar machen, dass jeder weitere Kanal Zeit kostet und eigene Inhalte fordert. Oft wird hier der Aufwand unterschätzt, dessen es bedarf, um allen Kanälen tatsächlich auch gerecht zu werden. Die Folge: verwaiste Snapchat-Profile, lieblose Instagram-Präsenzen mit einem Weihnachtsgruß als letzte Aktivität und ein Twitter-Account, auf dem alle vier Wochen die letzte Pressemitteilung getwittert wird (siehe Abbildung 2).

Mythos 4: Social Media lohnt sich nicht für B2B.

Klar, die großen Erfolgsgeschichten aus Social Media stammen zumeist eher von B2C-Unternehmen, keine Frage. Die Auftritte von True Fruits oder Heineken sind kurzweilig und witzig. Da kommen B2B-Firmen einfach nicht dran, sie sind im seltensten Fall eine „Love Brand“. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass Social Media nur für die Unternehmen funktioniert, die veganes Superfood, Fixies oder Bier verkaufen, ist schlichtweg falsch. Auch B2B kann durchaus Social Media für sich nutzen, denn sie haben zwar eine kleine, dafür aber feste Zielgruppe. Und diese lässt sich ebenso, wenn nicht sogar besonders gut, über soziale Kanäle erreichen.

Schließlich zählen im B2B-Umfeld vor allem Empfehlungen von Kontakten und Partnern, welche oft letztendlich für Kaufentscheidungen verantwortlich sind. Unternehmen wie die Rosenbauer Group machen es vor, wie man mit vermeintlich trockenen Themen eine große Followerschaft aufbaut, unter der vor allem Kunden und echte Interessenten sind (siehe Abbildung 3). Zudem lässt sich Social Media in diesem Umfeld ebenso für das Recruiting nutzen. Denn wo trifft man die Fachkräfte von morgen wohl besser als in den sozialen Netzwerken? Über Kanäle wie Facebook haben B2B-Unternehmen wie Krones AG und Liebherr sehr erfolgreiche Recruiting-Kanäle aufgebaut, in denen sie regelmäßig Updates für interessierte Bewerber veröffentlichen.

Mythos 5: Social Media kostet nichts.

Wer bis hierhin gelesen und eventuell auch die Social Media News in diesem Heft verfolgt hat, der wird schon lange wissen, dass dieser Mythos absoluter Humbug ist. Für alle, die immer noch skeptisch sind: Nein, Social Media ist nicht kostenlos und lässt sich nicht ohne Investitionen erfolgreich händeln. Punkt! Aus unerklärlichen Gründen gehen nicht wenige Unternehmen davon aus, dass Social Media (da ja als Kanal erst einmal kostenlos, man muss für einen Account nichts zahlen) auch im Betreiben kostenlos ist und riesige Reichweiten rein organisch erzielt werden können. Nun ist dieser Zahn hoffentlich mit der Ankündigung Mark Zuckerbergs, den Facebook Newsfeed wieder mehr für Meldungen von Freunden und Familie zu reservieren, endlich gezogen.

 

 

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Lesen Sie den Artikel weiter in unserer suchradar Ausgabe 70 von Februar 2018 mit dem Titelthema „Online-Marketing-Mythen: Was stimmt? Was nicht?“.

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