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Widgets in Action:
Ein Interview mit Widjet

Widgets, kleine in Websites integrierbare Anwendungen, sind in aller Munde. Ob aktuelle Wetterdaten, Horoskope, Spiele, Nachrichten oder Karten - viele Unternehmen stellen ihre Daten und Dienste mittlerweile auch als so genannte Widgets zur Verfügung, damit Nutzer diese in ihre eigenen Websites oder auch in ihre Seiten auf sozialen Netzwerken wie Facebook einbauen können.

Interessant sind Widgets unter verschiedenen Aspekten: zur Generierung von direktem Traffic, zum Markenaufbau, zum Aufbau von Communities - aber auch in Bezug auf SEO. Denn wer über Widgets redet, kommt auch schnell zum Thema Widgetbait.

Bei vielen Widgets profitiert das Unternehmen, das das Widget bereitstellt, nicht direkt in Bezug auf SEO. Wer z.B. das beliebte Widget von WetterOnline [1] nutzt, um auf seiner eigenen Website direkt Wetterdaten anzuzeigen, bindet dieses Widget über ein Iframe ein. Suchmaschinen werten diese Art der Einbindung nicht als Verlinkung.

Wer hingegen z.B. ein Widget von Gimahhot [2] einbaut, erkennt am Quellcode, dass hier direkt ein Link erzeugt wird (gekürzter Code):

<div id="gimahhot-suchwidget-230x70">
<form action="...">
<a href="http://www.gimahhot.de/">
<img src="http://www.gimahhot.de/widget/230x70/logo.jpg" alt="Shopping" /></a> ... </form> </div>

Diese Art der Verlinkung ist nun noch eine der besseren Varianten, denn oftmals wird versucht, bestimmte Suchbegriffe zu verlinken, so dass der Quellcode des Widgets z.B. so aussieht:

<... Aufruf einer Grafik oder einer Flash-Datei ...>
<a href="http://www.neuedatingsite.de">Dating</a>

Derartige Taktiken (also das Bereitstellen eines Widgets mit eingebautem Link) werden als Widgetbait bezeichnet. Prinzipiell ist Widgetbait immer mit Vorsicht zu genießen, weil man so auch schnell die Gefahr einer Abstrafung heraufbeschwört. Widgetbait ist deswegen schwierig, weil man z.B. die externe Verlinkung der eigenen Website je nach Erfolg des Widgets massiv steigern kann, was eben auch Suchmaschinen auffällt. Auch kann es passieren, dass man von als negativ eingestuften Websites (Bad Neighborhood) verlinkt wird - was Suchmaschinen zum Schluss verleiten könnte, dass die eigene Website ebenfalls nicht vertrauenswürdig ist.

Um mehr über Widgets und auch Widgetbait zu erfahren, haben wir ein Interview mit Christoph Kolb, dem geschäftsführenden Gesellschafter der widjet GmbH in Köln, geführt.

Herr Kolb, bitte stellen Sie sich und Ihr Unternehmen kurz vor.

Widgets sind für unser Unternehmen nicht umsonst namensgebend. Die widjet GmbH ist eine moderne Kommunikationsagentur mit dem Schwerpunkt Widget-Marketing. Alexander Hachmann und ich haben die Agentur im Sommer 2008 gegründet und sind seitdem unterwegs, den deutschen Widgetmarkt zu etablieren und mit zu gestalten. Alexander ist bei uns der Zahlenguru und ich für das Querdenken und Designen zuständig. Vor der Gründung der widjet GmbH war ich sieben Jahre als Grafiker und Texter tätig.

Können Sie uns ein aktuelles Beispiel für ein Widget vorstellen?

Aktuell haben wir für das unabhängige Verbraucherportal Stromauskunft eine Social Media Kampagne nebst Widget entwickelt. Stromauskunft bietet eine Info-Plattform rund um Stromanbieter in Deutschland. Das Widget ist der Mittelpunkt der Kampagne zum Thema Ökostrom. Ziel ist es, die User von Social Networks für das Thema Klimaschutz zu sensibilisieren und für einen Umstieg auf sauberen Ökostrom zu gewinnen. In das Widget ist eine CO2-Sparuhr integriert. Jedem Nutzer, der sie in seine Webseite einbindet, wird die gesamte CO2-Ersparnis, die durch die Benutzung von Ökostrom erreicht werden könnte, in einem Zählwerk angezeigt. Je mehr Nutzer die CO2-Uhr einbinden, desto schneller tickt auch der Zähler [3].

Können Sie schon quantitative Aussagen über den Erfolg machen?

Ziel der Kampagne ist es, die Öffentlichkeit für das Thema Klimaschutz zu sensibilisieren und auf die Wichtigkeit von Ökostrom aufmerksam zu machen. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir zwei Messgrößen, um Aussagen über den Erfolg der Kampagne zu machen. Einerseits können wir die Aktivität der Community auf MySpace, Facebook und Twitter analysieren. Ausschlaggebend sind die Anzahl der Beiträge, die Bewertungen, die Kommentare und die Wiederbesuchshäufigkeit der Nutzer. Diese Daten sind sehr zufriedenstellend. Sie stehen für das "Involvement" und die "Identifikation" der User und entscheiden über den Erfolg einer Kampagne in den Social Networks.

Andererseits können wir das große Medienecho betrachten, das die Kampagne bis heute begleitet hat. Rechnen wir die Presseveröffentlichungen in einen Mediawert um, ist das Ziel der Kampagne jetzt schon längst erreicht. Aber auf Grund der großen Resonanz innerhalb der Communities läuft die Kampagne weiter. Wir wollen bis zur Weltklimakonferenz im Dezember in Kopenhagen möglichst viele Mitglieder gewinnen, um den Verantwortlichen zu zeigen, wie viel CO2 durch einen Wechsel auf Ökostrom eingespart werden kann.

Finale Daten über den Erfolg der Kampagne wie die Zahl der Installs, Clicks und Views veröffentlichen wir, wenn die Aktion offiziell beendet ist.

Widgets scheinen insgesamt derzeit noch nicht auf der Agenda vieler Website-Betreiber zu stehen. Glauben Sie, dass sich das ändern wird?

Auf jeden Fall. Gut durchdachte Widgets können ideal dazu verwendet werden, bestehende Services in einen neuen Kontext zu bringen oder sogar Geschäftsmodelle um neue Elemente zu erweitern. Wird mit dem Widget ein Nutzen offeriert, wird das Widget auch genutzt und der Anbieter kann in vielerlei Hinsicht davon profitieren. Eine viel genutzte Applikation kann je nach Zielsetzung für Traffic sorgen, die Markenbekanntheit steigern oder bestimmte Produkte in den Vordergrund stellen.

Widgets werden derzeit also aus gutem Grund mehr und mehr Thema. Die Anbieter profitieren von Widgets als persistentem Kommunikationskanal zum Nutzer. Der Nutzer kann sich das Widget außerdem praktisch zu sich "nach Hause" holen - auf seine Webseite, auf seinen Desktop, auf sein Handy, und so weiter. Bei der Unternehmenswebsite ist der Ort und die Art der Kommunikation stärker limitiert.

Wenn man sich das Thema Widgets anschaut, scheint es sehr aus den USA heraus dominiert zu sein. Plattformen wie Widgetbox.com oder Clearspring.com scheinen die Richtung vorzugeben. Gibt es auch derartige Plattformen in Deutschland?

Der deutsche Markt befindet sich derzeit in einer gesunden Wachstumsphase. Im Augenblick dominieren noch ganz klar amerikanische Plattformen den Markt. Mit Netvibes, einem der Pioniere auf diesem Gebiet, kommen mittlerweile auch erste deutsche Versionen an. Uns als Agentur freut das, obwohl unser Fokus natürlich eher auf der Qualität einzelner Widgets liegt, als auf den Distributoren. Da heißt es: je mehr desto besser.

Wie mache ich denn ein Widget - vor allem in Deutschland - bekannt?

Werbung pusht ausgewählte Themen oder Produkte. Bei Widgets läuft es andersrum. User pushen Widgets. Baut ein Nutzer ein Widget in seine Webseite, seinen Blog oder in sein Profil ein, verbreitet sich das Widget von dort aktiv über persönliche Weiterempfehlungen oder passiv über Besucher der Seiten. Daraus ergeben sich unzählige Kontakte zweiten Grades. Das Widget verbreitet sich "viral". Genau das ist der Kern von viralem Marketing: Inhalte werden in den eigenen Alltag eingebunden und freiwillig weitergetragen. User verlassen sich dabei gerne auf persönliche Empfehlungen von Freunden oder Bekannten.

Daneben ist auch ein durchdachtes Seeding wichtig. Heißt: Das Widget wird in den sozialen Netzwerken in den passenden Themenfeldern und Gruppen der Zielgruppe und den jeweiligen Meinungsführern zur Verfügung gestellt, um die kritische Masse für ein eigenständiges Wachstum zu erreichen.

Grundsätzlich gibt es auch die Möglichkeit, die virale Verbreitung durch "Paid Seeding" zu fördern. Das ist mit einem Mediaeinkauf zu vergleichen und kann dem viralen Charakter auf die Sprünge helfen.

Bei Widgets denke ich primär an solche, die man in die eigene Website einbaut. Das ist aber nur ein Teil der Geschichte. Es geht doch auch um Facebook, MySpace & Co, oder?

Ja. Soziale Netzwerke sind aus dem Leben der meisten Onliner nicht mehr wegzudenken. Jeder zweite deutsche Internetnutzer ist einem sozialen Netzwerk wie Facebook oder XING vertreten. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind sogar mehr als 89% in einem Netzwerk aktiv. Man trifft sich in den Netzwerken, um sich zu unterhalten und auszutauschen.

Innerhalb dieser Netzwerke stehen naturgemäß nur begrenzte Features zur Verfügung, um sich auszudrücken. Möchte ein User sein Profil persönlicher gestalten, greift er auf Widgets zurück. Widgets werden in Social Networks also nach dem gleichen Prinzip wie auf eigenen Websites genutzt: sie ermöglichen es, Funktionalitäten zusammenzustellen und Internetpräsenzen zu personalisieren.

Wie funktioniert das technisch? Muss ich jeweils ein Widget für jede Plattform erstellen oder gibt es Dienste, die mir diese Arbeit abnehmen?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Es gibt mehr und mehr Möglichkeiten, Widgets automatisch für viele Plattformen kompatibel zu halten. In vielen Fällen ist es jedoch gerade die individuelle Anpassung auf bestimmte Plattformen, die ein Widget besonders erfolgreich machen können. Wichtig ist in meinen Augen die Reihenfolge: Erst kommt die passende Idee, dann leitet man die Kanäle ab.

Was sind Ihrer Meinung nach Erfolgsfaktoren für Widgets? Können Sie vielleicht ein paar Beispiel-Widgets nennen, die besonders stark angenommen werden?

Die Funktion eines Widgets ist abhängig von dem Ziel, das der Anbieter mit dem Widget erreichen möchte. Soll es informieren? Soll es ein Branding fördern? Soll es eine Philosophie verbreiten? Darauf beruht, welchen Nutzen das Widget stiftet. In erster Linie sollen Widgets Spaß machen, Informationen und positive Selbstdarstellungsmöglichkeiten bieten und dabei einfach und intuitiv zu bedienen sein. Voraussetzungen für ein erfolgreiches Widget sind eben die Bedürfnisse der Nutzer - ohne ihre Akzeptanz und Motivation geht es nicht.

Sehr beliebt sind Widgets, die User in ihrem Alltag begleiten und Möglichkeiten zur Interaktion bieten. Ein bekannter Sportartikelhersteller hat ein Widget für seine laufbegeisterten Kunden kreiert. Neben Informationen zu Lauf-Events und -Wetter sowie einer Kalenderfunktion gibt ein Männchen auch Lauftipps und man kann über einen RSS-Reader News zum Thema abonnieren.

Derzeit ebenso hoch im Kurs stehen Widgets, die sich für eine gute Sache einsetzen. So genannte Good-Cause-Widgets werden von Usern benutzt, um zu verdeutlichen, was ihnen wichtig ist und fördern so die Auseinandersetzung mit dem Thema (wie unsere Ökostrom-Applikation).

Mit dem Thema Widgets verbinden viele SEOs ja auch das Thema Widgetbait. Spüren Sie, dass das für Unternehmen ein relevanter Aspekt ist?

Je mehr das Unternehmen auf SEO angewiesen ist und je mehr es darüber weiß, desto interessanter ist dieser Aspekt natürlich auch für das Unternehmen. Viele Unternehmen kennen solche Techniken allerdings nicht. Hier kommt dann unsere Beratung ins Spiel.

Widgetbaiting ist generell ein spannendes Thema, allerdings sollte man nur Links verwenden, wenn die Themen des Widgets und der Zielwebsite auch wirklich übereinstimmen. Andernfalls riskiert man, von Google & Co. eins auf die Finger zu bekommen. Wir sehen das, wie alles was wir tun, aus der Sicht der User: Wenn der Link und sein Inhalt interessant und nützlich für den User sind, dann ist es auch OK ihn zu setzen. Wenn nicht, dann nicht.

Zum Schluss: Was ist Ihr persönliches Lieblings-Widget?

Ich liebe alle Widgets, die ich persönlich als nützlich empfinde, die mir Arbeit abnehmen, mich unterhalten, die mich langfristig begleiten. Mein aktuelles Lieblingswidget erblickt aber erst in ein paar Tagen das Licht der kritischen Öffentlichkeit...

Vielen Dank für das Interview.

[1] http://www.wetteronline.de/homepage/
[2] http://www.gimahhot.de/widgets
[3] App-Seite auf Facebook: http://apps.facebook.com/dieklimaschuetzer/
Fanseite auf Facebook: http://www.facebook.com/pages/Klimaschutzer/102779783512

 

Unsere Fragen beantwortete...

Christoph Kolb ist CEO der widjet GmbH mit Sitz in Köln. Die widjet GmbH konzipiert, designt und entwickelt Web-Applikationen und Webseiten für Unternehmen, die sich in neu entstehenden Märkten des Internets positionieren wollen.

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Ausgabe 22 (2. März 2010)

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