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Wolfram Alpha und Google Squared:
Die Zukunft der Suchmaschinen?
Neben der Microsoft-Suchmaschine Bing gab es in den letzten Monaten noch zwei Neuvorstellungen, die jeweils als Kontrahenten gehandelt wurden: Wolfram Alpha und Google Squared. Dieser Artikel geht daher der Frage auf den Grund, wie diese beiden Suchmaschinen konzipiert sind.
Sind diese Suchmaschinen auch in Bezug auf SEO oder SEM relevant? Diese Frage haben wir an drei Experten gestellt, die ihre Einschätzungen zu diesem Thema liefern.
Wolfram Alpha
Die vom Mathematica-Gründer Stephen Wolfram konzipierte Suchmaschine Wolfram Alpha [1] hatte einen konkreten Nachteil: Sie wurde ebenso wie viele andere Projekte vorher (z.B. Powerset, Cuil oder Wikia Search) als Google-Killer gehandelt. Diesem Anspruch kann prinzipiell wohl keine neue Suchmaschine gerecht werden - und Wolfram Alpha schon gar nicht.
Denn Wolfram Alpha ist keine klassische Volltextsuchmaschine. Vielmehr wird hier in strukturierten Daten gesucht. Wenn also jemand nach einer bestimmten Stadt sucht, kann Wolfram Alpha auf Daten zu dieser Stadt zurückgreifen (historische Daten, aktuelle Daten wie Einwohnerzahl oder Größe). Wer nach "weather in hamburg" sucht, wird hiermit keine Volltextsuche nach den drei Wörtern der Suchanfrage anstoßen, sondern Wolfram Alpha dazu veranlassen, in der Datenbank nach dem Wetter für die Stadt Hamburg zu suchen.
Bei derartigen Anfragen sieht man auch, dass Wolfram Alpha Annahmen über die einzelnen Bestandteile einer Suchanfrage machen muss: Neben der deutschen Großstadt Hamburg gibt es z.B. in den USA noch vier weitere Städte mit dem Namen Hamburg. Wolfram Alpha bietet dann primär die Ergebnisse für den deutschen Stadtstaat an und verweist nebenbei auf die Tatsache, dass es auch Daten für die amerikanischen Städte gibt.
Wolfram Alpha interpretiert die Suchanfragen, so dass Anfragen wie "france gdp" und "gdp of france" identische Ergebnisse liefern. In beiden Fällen hat Wolfram Alpah verstanden, dass "gdp" für das Bruttosozialprodukt (Gross Domestic Product) steht, Frankreich ein Staat ist und dass das GDP ein Attribut von Frankreich ist. Wolfram Alpha versteht natürlich auch komplexere Anfragen wie "gdp france vs. germany" und stellt dann das Bruttosozialprodukt beider Länder im Vergleich dar.
Woher die Informationen stammen, erfährt man jeweils über den Link "Source Information". Hier sieht man, dass Wolfram Alpha auf eine Vielzahl offizieller und strukturierter Daten zurückgreift.
Daran sieht man aber auch, dass Wolfram Alpha mit vielen Anfragen nichts anfangen kann. Eine Anfrage nach "planets" liefert immerhin noch alle Planeten unseres Sonnensystems (Pluto fehlt korrekterweise), aber mit der Anfrage "roller coaster" kann Wolfram Alpha nichts anfangen. Besser sind dagegen Anfragen nach bekannten Bauwerken wie "international space station" (hier zeigt Wolfram Alpha u.a. die aktuelle Position der ISS) oder auch "atomium" (mit Karte, Höhe und Baudatum).
Google Squared
Google Squared [2] wurde von der Presse als Antwort des Suchmaschinenbetreibers auf Wolfram Alpha gehandelt - sozusagen der Killer vom Google-Killer. Die beiden Dienste könnten aber unterschiedlicher nicht sein.
Google Squared eignet sich dafür, ein bestimmtes Konzept einzugeben (z.B. "deutsche bundesländer" oder "rassehunde") und dazu passende Instanzen zu finden. Im Fall der Anfrage "deutsche bundesländer" scheitert das aktuell daran, dass Squared anscheinend nur Hamburg als solches erkennt. Englischsprachige Anfragen wie "us cities" scheinen derzeit noch wesentlich sinnvollere Suchergebnisse zu liefern.
Der Dienst Google Squared ist derzeit vor allem das, was auf der Website selber zu lesen ist: "an experimental search tool". Auf strukturierte Daten wie Wolfram Alpha wird hier allerdings nicht zugegriffen. Vielmehr versucht Google aus der Vielzahl an Textinformationen aus dem Internet Antworten zu finden, die dann in Form eines Spreadsheets dargestellt werden.
In diesem Spreadsheet werden dann jeweils die "Items" angezeigt - jeweils mit einem Namen und oftmals auch mit einem Bild. Darüber hinaus werden Attribute angezeigt, die mehr oder weniger sinnvoll sind, z.B. "Time Zone" bei einer Stadt oder "Seating Capacity" bei einem Auto. Zu jedem dieser Attribute wird dann auch zusätzlich angezeigt, wie sicher sich Google bei dem jeweiligen Wert ist ("Confidence").
Derzeit führen allerdings noch viele Anfragen zu teils unsinnigen Ergebnissen. So wird dem Nissan Altima Hybrid eine "Seating Capacity" von "20 gallons" zugeordnet. Hier zeigt sich einfach, dass Squared die Semantik fehlt, um unsinnige Ergebnisse zu verhindern: Da wird Wilhelm Marx zum deutschen Kanzler ernannt und Angela Merkels Tod auf "Aug 2007" festgestellt.
Dennoch ist Google Squared ein interessantes Recherche-Tool, das bei vielen allgemeinen Anfragen nach bestimmten Konzepten durchaus passende Objekte liefern kann. Die Ergebnisse sind natürlich mit Vorsicht zu genießen und haben damit nicht dieselbe Autorität wie die von Wolfram Alpha gelieferten Daten.
Direkter Vergleich
Wie gesagt sind beide Dienste eigentlich nicht zu vergleichen. Wolfram Alpha greift auf strukturierte Daten zurück und kann daher Anfragen mit einer sehr hohen Genauigkeit und Detailfülle beantworten. Google hingegen sucht sich seine Daten aus dem Internet zusammen, was bei fehlender Semantik schon mal z.T. massive Fehler liefern kann. Das ist nicht unbedingt die Schuld Googles, sondern liegt einfach in der Komplexität des Problems begründet.
Wolfram Alpha liefert sehr gute Ergebnisse bei Anfragen zu Daten und Fakten, die strukturiert vorliegen (Wetter, finanzielle Daten, naturwissenschaftliche Daten, ...), während Google Squared zu einem Konzept wie "roller coaster" oder "us presidents" Instanzen finden und diese mit Attributen anreichern kann.
Insgesamt hat Google Squared aber dennoch einen entscheidenden Vorteil: Die Marke Google im Rücken - und die Möglichkeit, Traffic über Universal Search zu bekommen. Derzeit verlinkt Google je nach Suchanfrage ja bereits auf eigene Dienste wie Google Produktsuche, Google News oder die Bildersuche. In Zukunft könnte Squared auch in diesen Mechanismus eingebaut werden, wenn Google glaubt, dass es für eine allgemeine Anfrage interessante Squared-Ergebnisse gibt.
Meine Meinung: Alexander Holl
121WATT, Geschäftsführer
Im Mai bzw. Juni sind Wolfram Alpha (WA) & Google Square (GS) an den Start gegangen. Bei beiden kann man nicht von Suchmaschinen reden. Vielmehr stellen beide Konzepte eher eine Wissensdatenbank mit einer neuen optischen Ausgabeform dar. Wolfram Alpha konzentriert sich dabei auf die Ausgabe des gesammelten Wissens auf einer Seite mit übersichtlichen Tabellen, Graphiken und relevanten Texten also liefert schon eine Antwort - während Google mit seinen Squares auf relevante Inhalte (viel von Wikipedia) verlinkt. GS hat meiner Meinung nach größere Chancen, weil man sich hier eine intelligente Einbindung in die Universal Search vorstellen kann. WA ist eine schöne Antwortmaschine für Referate und Studienarbeiten. Ohne Einbindung in eine Suchmaschine wie Google, Bing oder Yahoo, aber nur relevant für Suchanfragen im Promillebereich. Möglicherweise besteht aber für WA ein Geschäftsmodell in der Aufbereitung und Darstellung von Wissen innerhalb von Unternehmen.
Zusammenfassend: Im Augenblick erscheint mir WA wie der Computer des Raumschiffs Enterprise, der zu wissenschaftlichen Anfragen wie "Ich brauche alle Informationen zum Planeten Ligon II" hervorragende Antworten liefert. Nutzer interessieren sich aber mehr für Skandale bei DSDS oder wie David Carradine gestorben ist.
Meine Meinung: Tom Alby
uniquedigital GmbH, Head of Search
Wer Wolfram Alpha als ernsthaften Konkurrenten für Google ersehnt hat, der wird enttäuscht sein. Auch wenn Stephen Wolfram viel Geld in sein Projekt investiert hat, so ist es immer noch ein Bruchteil dessen, was für das Erstellen und Durchsuchen eines großen Suchmaschinenindex notwendig ist. Aber darum geht es Wolfram auch nicht. Er hat das Versprechen des Semantischen Webs eingelöst, bevor das Semantische Web überhaupt gekommen ist: Daten strukturiert aufzubereiten und durchsuchbar zu machen.
Die Komplexität der Beispiele und der Ergebnispräsentation wirkt auf Normalbenutzer abschreckend, schließlich geht es hier weniger um profane Fragen, wie nach dem Shop mit der günstigsten Digitalkamera. Und genau dabei zeigt sich der große Unterschied zwischen Google und Wolfram Alpha: Google liefert auf fast jede Anfrage Ergebnisse. Allerdings, und das ist der Unterschied, muss der Benutzer dann noch selber das für ihn passende Ergebnis aussuchen. Ob das jeweilige Ergebnis dann relevante Fakten bietet, steht auf einem anderen Blatt. Wolfram Alpha hingegen beschränkt sich auf ausgewählte Datenquellen, deren Korrektheit vertraut wird, und erlaubt Operationen auf diesen Datenquellen.
Wer schon einmal ein Query Logfile einer Suchmaschine gesehen hat, der weiß, dass mit einer Suchmaschine wie Wolfram Alpha nur ein kleiner Teil der tatsächlichen Suchanfragen beantwortet werden kann. Dieser, wenn auch kleine Teil, wird aber bereits weitestgehend überzeugend beantwortet. Es ist eine Frage der Zeit, bis weitere Suchmaschinen Inhalte ähnlich exzellent durchsuchbar machen werden wie es Wolfram Alpha derzeit vermag.
Meine Meinung: Thomas Mindnich
ITam GmbH, Geschäftsführender Gesellschafter
Der Zeitpunkt, um Wolfram Alpha und SEO miteinander in Verbindung zu bringen, ist derzeit noch zu früh. Dazu befindet sich Wolfram Alpha in einem zu experimentellen Stadium - zumal der Content ohnehin nur bedingt aus dem Web aufgegriffen wird. SEOs warten besser erst einmal ab, bis bei Wolfram Alpha eine klare Richtung zu erkennen ist.
Im Gegensatz zu Wolfram Alpha bietet Google Squared ganz andere Möglichkeiten, um als SEO mitmischen zu können. Die Tatsache, dass User Generated Content eine wichtige Rolle spielt und Tabellen zu bestehenden Anfragen bearbeitet bzw. ergänzt werden können, bietet hier die Möglichkeit, eigenen Content zu platzieren. Außerdem ist viel leichter zu erkennen, welche Quellen von Google zur Erstellung der Tabellen angezapft werden.
Fazit: Wolfram Alpha und Google Squared sind zwei interessante Themen, die für die SEO-Szene eines Tages von Bedeutung sein könnten - noch ist es aber zu früh, um hier richtig loszulegen. Wer sich mit der Thematik näher auseinandersetzen möchte, konzentriert sich am besten auf Google Squared, weil schlichtweg eine höhere Transparenz gegeben ist.
[1] http://www.wolframalpha.com/
[2] http://www.google.com/squared/
Fazit
Wolfram Alpha und Google Squared sind sehr unterschiedliche Suchmaschinen, die durchaus einen Blick wert sind. Beide Suchmaschinen versuchen mit sehr unterschiedlichen Ideen, die klassische Suchergebnisdarstellung zu überwinden und strukturierte, relevante Informationen zu liefern.
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Über
den Autor
Markus Hövener ist Chefredakteur des Magazins suchradar
und geschäftsführender Gesellschafter der SEO-/SEM-Agentur
Bloofusion Germany.
Email: markus@suchradar.de
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