Virtuelle Pageviews: Löcher in der Datenbasis stopfen

Beitrag aus Ausgabe 77 / April 2019
Analytics
Stefan Kärner

ist Head of Partner Management, SEO & Web Analytics bei der Leipziger Agentur Projecter. Seit 2012 hat er In zahlreichen Projekten Kunden bei der Implementierung, Optimierung und strategischen Konzipierung von Tracking Tools begleitet.

Alles virtuell – sogar das Virtuelle wird noch virtualisiert, nämlich virtuelle Pageviews. Was gefährlich klingt, kann beim Analysieren des Nutzerverhaltens in Nicht-Standard-Situationen hilfreich sein, um fehlende Informationen zu gewinnen und das Puzzle zu vervollständigen. 

Einleitung

Google Analytics ist ein mächtiges Tool und in seiner Grundversion sogar kostenlos. In Standardanwendungen ist es innerhalb weniger Minuten installiert und sammelt feingliedrige Daten zum Nutzerverhalten auf Webseiten oder in Apps, die einen wesentlichen Vorteil für das Marketing liefern. Neue Formate wie Webseiten, die aus einer einzigen Seite bestehen (sog. Onepager), oder Anwendungen, die auf dem Endgerät des Nutzers anstatt auf Servern aufgebaut werden, können derzeit allerdings nicht mit dem Standard-Tracking von Google Analytics erfasst werden. Dann sind Tricks und Kniffe notwendig, um an die wertvollen Daten zu gelangen.

Wie funktioniert Google Analytics und wo kommt es an seine Grenzen?

Was von außen wie ein Mysterium wirkt und manchen Nutzer vielleicht sogar verunsichert, ist eigentlich gar kein Hexenwerk. Bei einer klassischen Webseite muss der Trackingcode von Google Analytics bzw. der Global Site Tag (seit 2017 verfügbar) von Google einmalig auf allen Unterseiten im Code eingefügt werden. Ab diesem Zeitpunkt sammelt dieser Code die Nutzerdaten – also anonymisierte Informationen über den Nutzer sowie dessen Verhalten auf der Webseite. Anschließend wird eine sogenannte Hit-URL (siehe Abbildung 1) erzeugt. Diese URL enthält sämtliche Informationen zu dem einzelnen Seitenaufruf in Form von Parametern. Da die Domain der Hit-URL – google-analytics.com – Google selbst gehört, kann der Internet-Riese durch den Aufruf dieser URL die Daten der Webseite auslesen, aufbereiten und entsprechend im Benutzer-Interface darstellen.

In dieser Hit-URL erkennt man unter anderem folgende Parameter:

  • t = type, Typ des Hits (z. B. pageview, event oder transaction)
  • aip = anonymize IP, IP-Anonymisierung aktiviert
  • dl = document location, aktuelle URL des Seitenaufrufs
  • ul = user language, die von Google Analytics erkannte Sprache des Nutzers
  • dt = document title, Meta-Titel der aktuellen URL

Es wird also jedes Mal, wenn eine neue Unterseite geladen wird, eine solche Hit-URL erzeugt und aufgerufen. Sie ist sozusagen das Sprachrohr von der Webseite zu Google Analytics.

Aber was ist, wenn sich alle Inhalte auf ein und derselben URL wiederfinden wie etwa bei Onepagern? Dann würde ein Seitenaufruf beim Betreten der Seite erfasst und sonst nichts. In Google Analytics wären dann keine Informationen zu sehen, was die Nutzer nach Betreten der Seite machen. Und was passiert bei modernen Seiten, welche clientseitig gerendert werden? Dann erfolgt der Kontakt zu externen Servern nur einmal zu Beginn der Sitzung und Google Analytics kann nicht automatisch immer einen Hit erzeugen, wenn die nächste Unterseite angesteuert wird. Auch hier würde man lediglich einen ersten Seitenaufruf erfassen. An diesen Stellen muss man sich behelfen – z. B. mit virtuellen Pageviews (Pageview = Seitenaufruf). Diese kommen bspw. zum Einsatz, um offline Daten zu erfassen.

Was sind virtuelle Pageviews?

Diese Frage ist schnell beantwortet: Eigentlich sind virtuelle Pageviews das Gleiche wie standardmäßig von Google Analytics erzeugte Pageviews. Sie enthalten die gleichen Daten. Das einzig Virtuelle an ihnen ist der Auslösungszeitpunkt. Der virtuelle Pageview wird nicht beim Laden einer URL ausgelöst, sondern zu einem beliebigen Zeitpunkt, den der Anwender oder Programmierer festgelegt hat. Zum Verständnis ist es wichtig, dass in diesem Zusammenhang die Begriffe Pageview, Hit und Hit-URL nahezu synonym benutzt werden können, da die technische Betrachtungsweise nicht im Fokus stehen soll. Bei einem Pageview wird eine Hit-URL erzeugt, welche den Hit an Google Analytics übermittelt. Bei einer Standardimplementierung folgt dieser Code direkt auf das Google Analytics Script, welches seitenweit eingebunden ist (siehe Abbildung 2).

Es lassen sich auch die Informationen der Hit-URL manipulieren, sodass man sich mit dieser Technik vollständig von den Vorgaben von Google lösen kann. Im Falle eines Onepagers könnte man also bei jeder neuen Sektion der Seite, die der Nutzer durch Scrollen oder Klicken erreicht, einen Pageview auslösen und z. B. mit fiktiven URLs versehen, damit man diese dann in Google Analytics getrennt auswerten kann. Bei einem virtuellen Seitenaufruf wird der gleiche Code wie bei einem standardmäßigen Pageview verwendet. Allein der Parameter „page“, der den aktuellen Seitenpfad für Google Analytics festlegt, wird manuell angepasst. In diesem Beispiel erhält er den Wert „/ueber-uns“. Für diese fiktive URL wird dann ein Seitenaufruf in Google Analytics vermerkt (siehe Abbildung 3).

Beispiel eines Onepagers und dessen Darstellung in Google Analytics:

Vorher (ohne virtuelle Pageviews):

  • URL: webseite.de/ – 20 Seitenaufrufe

Nachher (mit virtuellen Pageviews):

  • webseite.de/ – 20 Seitenaufrufe
  • webseite.de/ueber-uns – 17 Seitenaufrufe
  • webseite.de/leistungen – 12 Seitenaufrufe
  • webseite.de/referenzen – 5 Seitenaufrufe

Man bekommt also durch die Anwendung von virtuellen Pageviews viel detailliertere Einblicke in das Nutzerverhalten, um daraus Entscheidungen abzuleiten.


Weitere Anwendungsfälle

Neben den bereits angeführten Onepagern kann man die künstlichen Seitenaufrufe auch noch an anderen Stellen nutzen. Klientenseitig gerenderte Webseiten haben die Eigenschaft, dass nur beim ersten Seitenaufruf der Google-Analytics-Code geladen wird. Bei weiteren (tatsächlichen) Seitenaufrufen erfolgt keine Kommunikation mit dem Server und der Google Analytics Code wird nicht erneut ausgelöst. Durch manuelles Auslösen mit dem Google Tag Manager kann man diesem Problem beikommen. Dazu mehr im nächsten Abschnitt.

Manche Tools oder Formulare bestehen aus mehreren Einzelformularen. Man denke nur an einen klassischen Checkout-Prozess im Onlineshop oder ein beliebiges Tool. Wenn diese Einzelformulare auf unterschiedlichen URLs dargestellt werden und hier stets eine Kommunikation mit dem Server stattfindet: kein Problem! Wenn dies nicht zutrifft, können virtuelle Seitenaufrufe mit virtuellen URLs helfen, das Nutzerverhalten in Google Analytics zu erfassen.

Einbindung von virtuellen Pageviews mittels Google Tag Manager

Die beste Möglichkeit, virtuelle Pageviews auf der Webseite einzubinden, bietet der Google Tag Manager (tagmanager.google.com/#/home). Mit dessen Hilfe wird der Befehl zum Absenden eines Pageviews (siehe Abbildung 3) als Tag angelegt. Mit einer angepassten Auslöseregel (Trigger) wird festgelegt, wann der Pageview abgesendet werden soll. Es könnte also jedes Mal ein Pageview ausgelöst werden, wenn ein Nutzer auf den „Weiter“-Button eines Formulars klickt oder einen bestimmten Bereich beim Scrollen durch einen Onepager erreicht hat. Noch anpassbarer ist das Absenden des Pageviews, wenn das Signal zum Abfeuern über die Datenschicht (developers.google.com/tag-manager/devguide#datalayer) erfolgt. Dazu ist aber ein fachkundiger Programmierer notwendig

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Lesen Sie den Artikel weiter in unserer suchradar Ausgabe 77 von April 2019 mit dem Titelthema „Content vs. Werbung“.

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